Lissabon und der Tejo

„Die Lusiaden“ Luís Vaz de Camões
Erste Gesang, Strophe 4„


„Und ihr, meine Tagiden, habt entfacht
In mir neue Begabung, volle Glut,
Wenn stets, mit einem schlichten Vers bedacht
Von mir ward heiter eures Flusses Flut,
Gebt mir jetzt einen hohen Ton voll Macht,
Einen erhabenen Stil, der Rede Flut,
Damit Phoibos befiehlt, daß eure Welle
Nicht mehr beneide Hippokrenes Quelle.“

(Überseztung von Hans-Joachim Schaeffer)

Der Tejo hat ein tausend Kilometer Geschichten zu erzählen. Er ist der längste Fluss der Iberischen Halbinsel und hat bei zahlreichen entscheidenden Ereignissen der portugiesischen Geschichte eine führende Rolle gespielt. Der Tejo bzw. Tajo, wie er in Spanien bekannt ist, entspringt in 1593 m Höhe im Gebirge Albarracín und mündet nach einem Lauf von 1007 km bei Lissabon in den Atlantik.

Der in Fabel und Geheimnisse gehüllte Tejo hat Lissabon erschaffen. Er hiess die ersten Ackerbauern willkommen, sah die phönizischen Seefahrer und die Römer ankommen und war massgeblich für die Eroberung Lissabons durch König Afonso Henriques. Unter allen portugiesischen Flüssen schenkt uns der Tejo von Vila Velha de Rodão bis zur Mündung den grössten Reichtum und Vielfalt. Seine Gewässer haben grosse und blutige Seeschlachte, Revolten und Attentate beigewohnt, beispielsweise beim Sturz der Monarchie 1910 oder bei der Nelkenrevolution. Von der Mündung des Tejo sind die Karavellen und Segelschiffe der portugiesischen Entdeckungen abgesegelt und 1755 ist eine gigantische Flutwelle flussaufwärts gekommen, die Lissabon und andere Ortschaften entlang des Flusses überschwemmt hat. Jedes Jahr ankern im Lissaboner Hafen hunderte von luxuriösen Kreuzfahrtschiffen, insbesondere an den Anlegestellen von Alcântara. Seine Mündung ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen (die „Reserva Natural do Estuário do Tejo“ mit Sitz in Alcochete) wo verschiedene Vogelspezies Nistplätze finden. Obwohl es keine Delfine mehr gibt, die dort wegen der Verschmutzung des Flusses stationär leben, sind in den letzten Jahren während des Sommers mehrere Exemplare aufgetaucht, die nach einem guten Fang zurück ins Meer schwimmen.

Zwei Brücken überqueren in Lissabon den FLuss. Die älteste der beiden ist die Brücke 25. April, 1966 als Salazar-Brücke eingeweiht, eine der längsten Hängebrücken in Europa, die die Hauptstadt Portugals mit Almada verbindet. Die andere ist die etwa 17 km lange Vasco da Gama-Brücke. Sie wurde 1998 eingeweiht und verbindet Lissabon (Sacavém) mit Alcochete und Montijo. An seinem breitesten Punkt, zwischen Lissabon, Vila Franca de Xira e Benavente, wird die Flussmündung Mar da Palha („Strohmeer“) genannt.

 

in Luís Ribeiro (November 2012). Histórias do rio Tejo („Geschichten des Tejo“). Herausgeber: A Esfera dos Livros

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